Vorausgeschickt: Seit Beginn des russischen Angriffskrieges ermitteln wir die russischen Kriegstoten aus offenen Quellen. Wir machen das ohne Werbung, ohne Unterstützung von außen, sind politisch ungebunden und tragen die erheblichen Kosten selbst. Wir erstellen alle Informationen nach bestem Wissen und Gewissen.
Ökonomie des Todes
Seit der zweiten Hälfte des Jahres 2023 rekrutiert das russische Militär in großem Stil Freiwillige, um die enormen Verluste im Krieg gegen die Ukraine zu ersetzen. Diese Freiwilligen machen die überwiegende Anzahl der russischen Kriegstoten aus. In der staatlichen Propaganda wird dies als Dienst für den Staat, zur Zerschlagung des Nazismus und zum Schutz der Bürger dargestellt. Aber in Wirklichkeit geht es um Geld: Um die hohen Antrittsprämien bei Unterzeichnung eines Militärvertrages, um den überdurchschnittlichen Sold an der Front, um die Tilgung von Schulden, um die vielen sozialen Vergünstigungen für Kriegsteilnehmer und natürlich um die Abfindungen bei Verletzungen oder im Todesfall.
Die Geldmittel die der Zentralstaat und die Regionen dafür aufwenden müssen, steigen deshalb kontinuierlich an.
Das System der Rekrutierungen
Die russische Zentralregierung gibt jeder Region vor, wie viele Personen sie für den Krieg in der Ukraine anwerben müssen. Entsprechend fallen auch die Prämien aus, die in den Regionen für eine Vertragsunterzeichnung gezahlt werden. Die Regierung in Moskau zahlt für jeden angeworbenen Soldaten den gleichen Betrag von 400.000 Rubel.
Was aus den regionalen Haushalten bezahlt wird hängt von der ökonomischen Situation in der Region ab und von dem Druck, der auf den Regionalgouverneuren lastet, genügend „Freiwillige“ jeden Monat vorzuweisen. So ist man häufig bereit mehr zu bezahlen, als die regionale Haushaltssituation hergibt und streicht stattdessen Sozialleistungen oder Investitionen.
Die Regionalregierungen geben diesen Druck an ihre Bezirke weiter, die an die Städte und Dörfer in ihrem Gebiet. Auch weiterführende Schulen und Großunternehmen werden beauftragt, unbedingt Freiwillige abzustellen.
Wie dieses System der Rekrutierung im Detail von oben nach unten organisiert ist, hat Janis Kluge von der deutschen Stiftung Wissenschaft & Politik in einem ausführlichen Beitrag in englischer Sprache dokumentiert.
Die Rolle des Geldes im Kleinen und Großen
Wer unsere Rubrik „Ohne viele Worte“ durchsucht, wird unter den Kurzzeitsoldaten viele einfache Männer aus den ländlichen Gebieten Russlands finden – ohne Berufsausbildung oder mit einfachsten Ausbildungen zum Traktorfahrer oder Schweißer.
Diese Männer arbeiten als Tagelöhner in der Landwirtschaft, als Schichtarbeiter häufig fern ihrem Zuhause oder im Rotationsverfahren im sibirischen Norden auf Erdölfeldern oder in Kohlegruben. Und alle diese Männer kommen damit gerade so um die Runden – eine finanzielle Rücklage für die Rente ist nicht möglich.
Das Risiko im Krieg schwer verletzt oder getötet zu werden, hält diese Männer nicht vom Kriegsdienst ab, winkt doch als Belohnung ein zukünftiges sorgenfreies Leben für sich und die Familie.
Die russische Teilrepublik Tuwa hat in unsere Statistik die mit Abstand höchste Todesrate gemessen an der Bevölkerung. Tuwa gehört zu den ärmsten russischen Regionen, da ist der Dienst in der Armee sehr lukrativ.
Tuwa hatte im Jahr 2025 ein Bruttoinlandsprodukt von rund 168 Milliarden Rubel (etwa 1,7 Milliarden €). Da stellen die mindestens 23 Milliarden Rubel für die Todesprämien der 2.263 gefallenen Tuwiner, verteilt auf die Kriegsjahre, doch einen bedeutenden Faktor für die Ökonomie der Region dar. Dazu kommen noch die Zahlungen für Kriegsversehrte, die Renten der Veteranen und all die damit verbundenen Sozialleistungen.
Die Rolle der Polizei und Justiz
Wie gefährlich der Kriegseinsatz in der Ukraine ist, dürfte inzwischen den meisten russischen Staatsbürgern bekannt sein. Deshalb entfaltet das Lockmittel Geld nur eine begrenzte Wirkung und reicht nicht immer, um die geforderten Kontingente aufzufüllen.
Dafür haben die lokalen Behörden andere Möglichkeiten.
Wenn zum Beispiel der Gerichtsvollzieher offene Forderungen pfändet oder Familien auf die Straße setzt, kann er immer ein gutes Angebot unterbreiten. Wenn der Mann einen Vertrag mit dem Militär unterzeichnet, können bis zu 10 Millionen Rubel erlassen werden.
Nimmt die Polizei einen Verdächtigen, einen Kleinkriminellen oder Drogenabhängigen fest, braucht es kein Protokoll und auch keine aufwändige Gerichtsverhandlung. Sollte der Delinquent einen Vertrag unterschreiben, ist alles vergeben und vergessen.
Gerne macht die Polizei auch Jagd auf nächtliche Herumtreiber unter Alkoholeinfluss. Die kassiert man ein und setzt sie unter physischen und psychischen Druck einen Vertrag zu unterschreiben. Danach separiert man sie von den anderen Gefangenen und überlässt sie so schnell wie möglich der Obhut des Militärs. Damit die aufgebrachten Ehefrauen oder andere Familienangehörige keine Chance bekommen, ihre Männer wieder nach Hause zu holen.
Das russische Exilmedium Verstka hat dazu Beispiele aus 17 Regionen gesammelt oder hier ein Bericht eines russischen Kriegsgefangenen. Die Beiträge sind in russischer Sprache, können aber mit der Übersetzungsfunktion des Browsers leicht gelesen werden.
|
Das ist Vitaly Demakow aus Tawda in der Oblast Swerdlowsk. Vitaly wurde im Herbst 2022 zum Krieg mobilisiert. Er umarmt seine zwei Kinder bevor er in den Bus steigt. Er wird sie nie wieder sehen, kurz nach Weihnachten 2022 ist er in seinem Heimatort begraben worden. |
![]() |
Eine neue Mobilisierung?
Auf Grund der Schwierigkeiten jeden Monat mehr als 30.000 neue Freiwillige für die Front zu rekrutieren, könnte Präsident Putin nach der Parlamentswahl im September 2026 eine neue Mobilisierungswelle starten. Der ukrainische Präsident Selenskyj spricht von 500.000 Soldaten, die aus den Reihen der Reservisten mobilisiert werden sollen. Als Informationsquelle nennt er den ukrainischen Geheimdienst, der in der Regel gut informiert ist.
In Erwartung dieser Mobilisierung bilden sich bereits jetzt lange Schlangen an den Grenzübergängen zu Georgien, weil junge Männer sich in das Nachbarland in Sicherheit bringen wollen.
Es gibt unter den russischen Ökonomen im Exil auch eine gegensätzliche Auffassung. Eine weitere Mobilisierung würde in der Bevölkerung nicht gut aufgenommen. Die Menschen wissen um den Krieg, wollen aber nicht hineingezogen werden.
Zum anderen würde eine erneute Mobilisierung den angespannten Arbeitsmarkt weiter schädigen und könnte die durch den Krieg instabile Ökonomie Russlands weiter ins Trudeln bringen.
Einschätzung zur politischen Lage in Russland
Die Stimmung unter der Bevölkerung scheint langsam zu kippen. Das Vertrauen in die politische Lage nimmt ab.
Wie immer an dieser Stelle zitieren wir das einzig verbliebene Meinungsforschungsinstitut in Russland. Das Lewada-Zentrum schreibt am 14. August 2026:
- Die Mehrheit der Befragten beurteilt die aktuelle politische Lage in Russland als angespannt (57 %). Ein Anstieg um 10 Prozentpunkte seit Mai 2025.
- 13 % der Befragten stufen sie kritisch und explosiv ein. Ein Anstieg um 8 Prozentpunkte seit September 2025.
- Jeder vierte Befragte empfindet die politische Lage als ruhig (19 %). Ein Rückgang um 14 Prozentpunkte seit Mai 2025.
- 7 % bewertet die politische Situation als günstig. Ein Rückgang um 6 Prozentpunkte seit Mai 2025.
Seit Mitte des letzten Jahres ist ein Anstieg negativer Einschätzungen zu verzeichnen. Ähnliche Werte wurden zuletzt im September 2022, im Zuge der Ankündigung der Mobilmachung, beobachtet.



